Das Hotel Bogota wird geschlossen

Trotz einer Petition und des vorgestellten Gutachtens zum Denkmalwert des Hotel Bogota muss das Gebäude seine Pforten schließen. Hierzu ein Bericht des rundfunks berlin brandenburg:

 

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Hotel Bogota (2013)

Das Hotel Bogota Schlüterstraße 45  in Berlin-Charlottenburg, ein Baudenkmal der „Zerstörten Vielfalt“

 

Vorstellung des Gutachtens zur vertieften Begründung des Denkmalwertes des Hauses Schlüter Str. 45 von  Privatdozent Dr. Ing. Dietrich Worbs mit Professor Dr. Reinhard Rürup, Historiker und Gründungsdirektor der Stiftung Topographie  des Terrors  am Mittwoch, den 26.06.2013 um 11 Uhr im Hotel Bogota.

Zusammenfassung Fachgutachten von Dietrich Worbs

Das Haus Schlüterstraße 45 – ein Denkmal der „zerstörten Vielfalt“

Das Haus Schlüterstraße 45 ist 1991 auf seinen Denkmalwert geprüft worden. Die Gutachter stuften das Haus aufgrund seiner hohen geschichtlichen und wissenschaftlichen Bedeutung als denkmalwert ein. Sie hoben die herausragende Bedeutung von Grundriß und Fassade des Hauses hervor, insbesondere die zweigeschossigen Duplexwohnungen im 4. Obergeschoß/Dachgeschoß. Außerdem wiesen sie darauf hin, daß die NS-Reichskulturkammer ab 1942 und die Britische Militärregierung das Haus ab 1948 nutzten. Nach der Verabschiedung des neuen Berliner Denkmalschutzgesetzes 1995 trug das LDA das Haus Schlüterstraße 45 in die Denkmalliste ein.

Die Gründe für die Eintragung des Hauses als Baudenkmal waren und sind zutreffend und völlig ausreichend. Wir können heute – 20 Jahre später – die Ausführungen zur künstlerischen und geschichtlichen Bedeutung des Hauses aufgrund der inzwischen gesammelten Erkenntnisse aus Forschung und Überlieferung erheblich vertiefen und die Unersetzlichkeit des Hauses als Dokument des Reformwohnungsbaus um 1910 und als Zeugnis der Berliner Zeitgeschichte der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts genauer begründen.

Zur künstlerischen Bedeutun
g: Der aus Stuttgart stammende Bauherr und Bankier Robert Leibbrand (1867-1940) ließ das vornehme, großbürgerliche Mietwohnhaus von der Baufirma Boswau und Knauer 1911 errichten. Der Architekt ist nicht bekannt. Das Haus hatte im Erdgeschoß und im 1. bis 3. Obergeschoß jeweils eine 7-Zimmer-Wohnung mit 300 qm und eine 10-Zimmer-Wohnung mit 410 qm. Nebenräume wie Küche, Bäder, WC, Mädchenzimmer usw. waren bei der Zahl der Räume nicht mitgerechnet. Die Gesamtanlage des Hauses zeigte einen F-förmigen Grundriß mit Vorderhaus, einem Seitenflügel und einem Mittelflügel hinter dem zentralen Treppenhaus im Vorderhaus. Die Wohnungen wiesen jeweils vier bzw. fünf Gesellschaftsräume auf: Salon, Eß-, Herren-, Wohn- und Musikzimmer; die Privaträume umfaßten drei bis vier Schlafzimmer, eine Ankleide, ein bis zwei Bäder, Mädchenzimmer und andere Nebenräume. Die Küchen lagen unmittelbar neben dem Eßzimmer, durch eine Anrichte mit dem Eßzimmer verbunden. Gesellschafts- und Privaträume waren strikt voneinander getrennt: Die Gesellschaftsräume lagen im Vorderhaus, die Privaträume im Seiten- bzw. Mittelflügel.

Am eindrucksvollsten sind die beiden obersten Wohnungen, die vom 4. Obergeschoß bis in das Dachgeschoß reichen, zweigeschossige Duplex-Wohnungen mit 10 bzw. 14 Zimmern. Die Wohnungen werden durch zweigeschossige Hallen mit offenen Treppen und Galerien erschlossen. Das liberale Bürgertum vor dem Ersten Weltkrieg nahm diese villenartigen Wohnungen des Reformwohnungsbaus mit Begeisterung auf.

Zur geschichtlichen Bedeutung:
Das Wohnhaus ist von einer Reihe bekannter Personen der Berliner Gesellschaft genutzt worden: Der Bauherr Robert Leibbrand wohnte hier 1912-18 in der größeren Duplexwohnung im Hause. Nach 1918 verkaufte Leibbrand das Haus. Im Erdgeschoß lebte der namhafte jüdische Architekt Leo Nachtlicht (1872-1942) bis 1917 in der größeren Wohnung. Sein Nachmieter wurde der jüdische Unternehmer und Kunstsammler Oskar Skaller (1874-1944), der mit Verbandsmaterial im Ersten Weltkrieg ein großes Vermögen erworben hatte. Skaller versteckte während des Kapp-Putsches 1920 den SPD-Vorsitzenden Otto Wels nach der Ausrufung des Generalstreiks in seiner Wohnung. Berühmt waren Skallers Tanzfeste Ende der 20er Jahre, bei denen auch der junge Klarinettist Benny Goodman gespielt haben soll. Nach der „Arisierung“ seiner Unternehmen emigrierte Skaller 1938 nach Südafrika.

Die Fotografin Yva - mit bürgerlichem Namen Else Ernestine Neulaender (1900-1942) – erregte schon 1925 mit ihren Mode- und Werbefotos großes Aufsehen. Sie zog 1934 nach ihrer Heirat mit dem Kaufmann Alfred Simon (1889-1942) in die größere Duplexwohnung mit der zweigeschossigen Halle und der Dachterrasse, die sie als „locations“ nutzte. 1936-38 lernte der junge Helmut Neustädter (1920-2004) bei ihr das Handwerk des Fotografen, er kam nach seiner Emigration 1938 später unter dem Namen Helmut Newton zu Weltruhm. 2002 besuchte er die ehemalige Stätte seiner Ausbildung und bekannte, daß seine Lehrzeit bei Yva „wahrscheinlich die glücklichste Zeit meiner Jugend in Berlin“ gewesen sei. Yva erhielt 1938 Berufsverbot, wurde als Röntgenassistentin zwangsverpflichtet, ihr Mann wurde Straßenkehrer. Sie entschlossen sich erst 1942 zur Emigration in die USA, wurden am 1. Juni 1942 von der Gestapo verhaftet, mit dem 15. Transport am 13. Juni 1942 deportiert und im KZ Majdanek (oder Sobibor) ermordet.

Der polnisch-jüdische Eigentümer des Hauses Benjamin Hersz Liberman, der in Paris lebte, wurde nach dem deutschen Überfall auf Polen faktisch enteignet: Es wurde ein „kommissarischer Verwalter“ bestellt, der das Grundstück am 30. Juli 1941 an die Reichskulturkammer (RKK) – vertreten durch Ministerialdirektor Hans Hinkel im Propagandaministerium - veräußerte.

Hans Hinkel
(1901-1960) war „Alter Kämpfer“, beteiligt am Hitler-Putsch 1923 in München und durchlief eine steile Karriere im „Dritten Reich“: Er wurde 1933 Dritter Geschäftsführer der RKK, war ab 1935 als Referent für „Judenfragen“ im Propagandaministerium bei der Verdrängung jüdischer Künstler aus dem Kulturleben tätig. Ende 1942 übernahm er die Filmabteilung im Ministerium, wurde schließlich 1944 Reichsfilmintendant und kontrollierte die deutsche Filmproduktion. Nach Umbauten vom Erdgeschoß bis zum 2. Obergeschoß zog Hinkel in die Schlüterstraße 45 ein, sein elegantes, holzgetäfeltes Büro befand sich im 2. OG im früheren Musikzimmer der 10-Zimmer-Wohnung. Hier verhandelte er mit Schauspielern der UFA, mit Hans Albers, Heinrich George, Gustaf Gründgens, Heinz Rühmann u.a. über Rollen und Gagen. Im Erdgeschoß ließ Hinkel im früheren Eßzimmer und Salon der 10-Zimmer-Wohnung einen Kinosaal mit Projektionsraum einrichten, um neue Filme prüfen zu können. Dieser Raum ist - wie Hinkels Büro - gut erhalten und heute Speisesaal des Hotels Bogota.

Nach der Eroberung Berlins durch die Rote Armee wurde Hinkels verlassene RKK in der Schlüterstraße von Widerständlern der Gruppe Ernst (Wolfgang Schmidt, Alex Vogel u.a.) „besetzt“. Der eine Teil der Gruppe richtete hier die Kammer der Kunstschaffenden ein, die die Künstler in die verschiedenen Kategorien der Lebensmittelkarten einstufte und als Informationsbörse fungierte, der andere Teil richtete hier eine Entnazifizierungsspruchkammer für Künstler ein, die mit dem NS-Regime zusammengearbeitet hatten; berühmt wurde das Verfahren gegen Wilhelm Furtwängler am 10. und 17. Dezember 1946 im Hause, das zur Entlastung des Dirigenten führte. In der Kunstkammer fand im Sommer 1945 die erste Nachkriegsausstellung mit Werken von expressionistischen Malern und Bildhauern statt.

Nach der Gründung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands durch Johannes R. Becher (1891-1945) am 26. Juni 1945 zog der Kulturbund zeitweilig in die Schlüterstraße 45. Becher gründete hier am 16. August 1945 den Aufbau-Verlag. Ende 1947 verlagerte Becher den Kulturbund und den Aufbau-Verlag in den Sowjetsektor, nachdem die Zulassung des Kulturbunds in allen vier Sektoren an den Briten und Amerikanern gescheitert war.

Empfehlungen für die Erhaltung des Denkmals: Das Haus Schlüterstraße 45 war bis 1933 ein Ort der gelebten „deutsch-jüdischen Symbiose“, danach ein Ort der „zerstörten Vielfalt“ und des Kontrollapparats des NS-Regimes, nach der Befreiung 1945 ein Ort der bewußten Re-Demokratisierung. Dieses Haus mit seiner reichen künstlerischen und politischen Geschichte steht zwar seit 1995 unter Denkmalschutz, ist aber dennoch erheblich gefährdet: Ein Teil des erhöhten Erdgeschosses ist 2006 in ein ebenerdiges Geschäftslokal umgebaut worden; der Eigentümer will diesen Umbau nach Auszug des Hotels Bogota fortsetzen. Dann würden der Eingangsbereich des Hauses und der Kinosaal der RKK zwangsläufig zerstört und die Proportionen der Straßenfassade massiv verändert werden. Das Yva-Atelier mit der zweigeschossigen Halle und der Dachterrasse wäre bei einem Dachausbau gefährdet. Wir appellieren an das Bezirksamt und die Untere Denkmalschutzbehörde, solche Zerstörungen eines herausragenden künstlerischen und zeitgeschichtlichen Baudenkmals nicht zuzulassen, sondern dafür zu sorgen, daß dieses Dokument der deutsch-jüdischen Symbiose, der zerstörten Vielfalt und der bewußten Re-Demokratisierung erhalten bleibt.

Stellungnahme Professor Dr. Reinhard Rürup

Stellungnahme Professor Dr. Reinhard Rürup, Historiker und Gründungsdirektor der Stiftung Topographie  des Terrors :


Pressegespräch des Vereins "Denk mal an Berlin" im Hotel Bogota am 26. 6. 2013
Vorstellung des Gutachtens von PD Dr. Dietrich Worbs: „Das Haus Schlüterstraße 45 in Berlin-Charlottenburg: ein Baudenkmal der ‚Zerstörten Vielfalt‘“


Worum geht es?

Der Historische Ort, der erhalten werden soll, ist nicht das Hotel Bogota, sondern das Gebäude Schlüterstraße 45.  

Das Gebäude soll nicht nur erhalten werden, sondern auch für eine interessierte Öffentlichkeit zugänglich sein. Das ist bei einer Nutzung als Hotel besonders gut möglich, und das Hotel Bogota hat in dieser Hinsicht bis heute viel geleistet.

Das Gebäude, das im IIWK keine größeren Kriegsschäden erlitten hat, ist seit 1995 als ein zu schützendes Baudenkmal anerkannt. Dennoch ist 2006 die Straßenfassade  durch den Einbau eines Ladengeschäfts teilweise verändert worden. Trotz dieses Eingriffs ist das Gebäude aber in seiner Gesamtanlage weiterhin gut erkennbar. Die vom Hauseigentümer geplante Erweiterung der Ladenzone über die gesamte Straßenfront würde dagegen den Charakter des Gebäudes entscheidend verändern.

Im Innern entspricht das Gebäude nach den Umbauten von 1942 sowie den für die Pensionen und das Hotel seit den sechziger und siebziger Jahren vorgenommenen Umbauten nur noch in ausgewählten Teilen dem ursprünglichen Zustand. Doch sind mit den Atelierräumen im 4. OG, dem 1942 geschaffenen Direktionszimmer der Reichskulturkammer im 2. OG und dem großen Saal (Kinosaal) im EG die für die historische Bedeutung des Gebäudes entscheidenden Räumen sehr gut erhalten. Bei diesen Räumen handelt es sich um authentische Zeugnisse der Geschichte in einem strengen Sinn. Durch die vom Hauseigentümer geplanten Umbauten würde diese historische Substanz jedoch gefährdet, teilweise völlig zerstört.

 

Zur historischen Bedeutung des Gebäudes:

Es ist ein Gebäude, in dem sich die Geschichte Berlins als die Hauptstadt des Deutschen Reiches von der späten Kaiserzeit bis zum Beginn der Teilung der Stadt nach 1945 so spiegelt wie an wenigen anderen Orten.

Das Gebäude selbst, mit den Wohnungen von 300 bzw. 410 qm, dokumentiert die Glanzzeit des Kaiserreichs und die Existenz eines Großbürgertums, das solche Wohnungen nutzen und bezahlen konnte. Der auffällig rasche Eigentümerwechsel seit dem Ende des IWK spiegelt die Instabilität der Weimarer Zeit und die zunehmende Immobilienspekulation in den zwanziger, teilweise auch noch in den dreißiger Jahren in Berlin (erst ein türkischer, dann ein polnischer, dann ein weiterer polnischer, in Paris lebender Eigentümer, der 1941 von den Nazis enteignet wurde). Daß unter den Mietern, von denen nur relativ wenige bisher bekannt sind, auch jüdische Architekten, Künstler, Unternehmer und Kunstsammler waren, verweist darauf, daß jüdische Familien einen erheblichen Teil des Berliner Großbürgertums bildeten und auch am kulturellen Leben weit über ihren Anteil von 4-5 % der Berliner Bevölkerung hinaus beteiligt waren. Ob man deshalb von einem besonderen Ort der „deutschen-jüdischen Symbiose“ sprechen soll, scheint mir zweifelhaft, zumal das „Symbiose“-Konzept sehr umstritten ist.

Von großer Bedeutung im Sinne des Denkmalschutzes ist die Tatsache, daß die in den 20er und 30er Jahren überaus erfolgreiche Fotografin Else Neuländer (Yva) 1934-38 im 4. OG und dem zugehörigen Dachgeschoß ihr Atelier hatte und daß Helmut Neustädter/Newton hier 1936-38 das Fotografieren lernte. Die im wesentlichen erhaltenen Atelierräume sind ein besonders eindrucksvolles Zeugnis der Berliner Kulturgeschichte im frühen 20. Jahrhundert. Da Yva und ihr Ehemann Hans Simon 1942 deportiert und ermordet wurden (und andere jüdische Mieter in die Emigration gezwungen wurden), tritt an diesem Ort auch die Geschichte der Verfolgung und Ermordung der Juden in der NS-Zeit deutlich in Erscheinung.

Dass die Reichskulturkammer 1941 Eigentümer und nach entsprechenden Umbauten 1942 Hauptnutzer des Gebäudes wurde, machte die Schlüterstr. 45 plötzlich zu einer prominenten Adresse in der Geschichte nicht nur der Berliner, sondern auch der deutschen Kulturpolitik. In dem neugeschaffenen Direktionszimmer wurden wichtige kulturpolitische Entscheidungen, nicht zuletzt in der Filmpolitik, getroffen, und für nicht wenige der großen Künstler dieser Zeit sind Gespräche bzw. Verhandlungen mit Hans Hinkel überliefert. In den Kriegsjahren ab 1942 ist die Schlüterstr. 45, in der auch die Mitgliederkartei der RKK geführt wurde, die zentrale Adresse für alle, die im „Dritten Reich“ kulturpolitisch tätig waren. Daß mit der RKK auch die beschlagnahmten Gemälde des früheren Jüdischen Museums Berlin in die Schlüterstraße kamen, ist ein unbestrittenes Faktum, ohne daß bisher eindeutig geklärt ist, warum das so war.

Da Hinkel und seine Mitarbeiter, wie auch in anderen höheren NS-Dienststellen üblich, sich bei Kriegsende möglichst unsichtbar machten und das große Gebäude nicht zerstört war, kam es Anfang Mai 1945 zu einer „Besetzung“ des Hauses durch kulturpolitisch engagierte Personen, die nicht NS-belastet und teilweise im Widerstand tätig waren. Die Schlüterstr. 45 schien ihnen der geeignete Ort für einen parteiübergreifenden demokratischen kulturpolitischen Neuanfang. Aus dem vom Stadtkommandanten Bersarin Anfang Juni 1945 legitimierten Anspruch (mit Paul Wegener als "Kulturbeauftrager" der Militärregierung), wurde wenig später unter der politischen Verantwortung des Berliner Magistrats eine „Kammer der Kulturschaffenden“, die sich einerseits um den Wiederbeginn des Kulturlebens in Berlin bemühte und andererseits, gestützt auf die Mitgliederkartei der RKK, eine politische Überprüfung der Kulturschaffenden begann. Von der hier eingerichteten „Spruchkammer zur Entnazifizierung der Berliner Kulturschaffenden“, die auch von der britischen Besatzungsmacht anerkannt wurde, wurde u.a. über die Wiederzulassung von Furtwängler, Gründgens, Rühmann oder Grete Weiser entschieden.

Die „Spruchkammer“ arbeitete auch dann noch weiter, als ab Juni 1946 die „Kammer der Kulturschaffenden“ durch den „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ abgelöst wurde, der seinen Sitz ebenfalls in der Schlüterstr. 45 nahm und im Sommer 1946 bereits 9.000 Mitglieder zählte. Er war für eine kurze Übergangszeit eine sehr wichtige kulturpolitische Institution, deren Präsidium unter dem Vorsitz von Johannes R. Becher überparteilich zusammengesetzt war (Gustav Dahrendorf für die SPD, Ferdinand Friedensburg für die CDU, Otto Winzer für die KPD, dazu Carl Hofer, Bernhard Kellermann, Paul Wegener). In Folge der beginnenden politischen Teilung Berlins konnte der Kulturbund ab November 1947 in den britischen und amerikanischen Sektoren nicht mehr tätig sein und mußte deshalb auch seine Räume in der Schlüterstraße aufgeben. Wie wichtig die Schlüterstr. 45 in den ersten Nachrkiegsjahren für die Berliner Kultur und Kulturpolitik war, hat vor allem Wolfgang Schivelbusch in seinem 1995 erschienen Buch “Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin 1945-1948“ sehr schön herausgearbeitet. Es dürfte für den demokratischen Neuanfang in Berlin in den ersten Nachkriegsjahren kaum eine andere Adresse geben, in der sich die Initiativen und Aktivitäten, die Hoffnungen und Erwartungen der Kulturschaffenden so bündeln wie hier.

 

Daß diese Geschichte ebenso wie die Geschichte der RKK und der Fotokunst der Yva in den fünfziger und sechziger Jahren und darüber hinaus wenig Beachtung gefunden haben, ist angesichst der allgemeinen Zeittendenzen nicht weiter verwunderlich. Auch der DGB, der 1951 das inzwischen restituierte Gebäude erwarb und dort (offenbar bis 1963) eine Bildungsstätte betrieb, interessierte sich offenbar nicht dafür (doch ist diese Phase der Gebäudegeschichte bislang kaum erforscht). In den letzten 2-3 Jahrzehnten haben wir aber in Berlin ebenso wie in ganz Deutschland ein neues Verhältnis zur Geschichte entwickelt. Eentstanden ist eine demokratische Erinnerungskultur, für die die überlieferten Zeugnisse der Geschichte, die Plätze und Gebäude, in denen Geschichte sichtbar wird, von außerordentlicher Bedeutung sind. Gerade in Berlin ist in dieser Hinsicht seit der Mitte der achtziger Jahre sehr viel geschehen.

In dieser Geschichtslandschaft, die es zu bewahren und zu pflegen gilt, ist die Schlüterstr. 45 ein wesentliches, nicht verzichtbares Element. Es muß deshalb alles dafür getan werden, daß sie auch künftig als ein unverwechselbarer historischer Ort erhalten bleibt und zugänglich ist. Das ist in erster Linie eine Aufgabe der zuständigen Denkmalschutzbehörden, aber auch die politisch Verantwortlichen stehen hier in der Pflicht.

 


PS: „Legenden“:
- Springer habe hier seine Lizenz erhalten,
- Benny Goodmann (geb. 1909) habe bei Skallers Tanzabenden gespielt,
- Hitler als „Hynkel“ in Chaplins „Der große Diktator“ sei nach Hans Hinkel benannt.

 

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